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DIE WELT

Nein, Straßenkrawalle haben wir hier nicht

| Lesedauer: 5 Minuten
Der Protest gegen das World Economic Forum blieb friedlich, denn auf Helden des 11. September wirft man keine Steine

Ein besonders Mutiger hat die Eingangstür eines "Starbucks"-Cafés aus den Angeln gehoben, eine Frauengruppe illegalerweise ein Baugerüst gestürmt. Ein junger Mann wird verhaftet, weil er sich weigert, ein Klebeband von seinem Mund zu entfernen, einen anderen nimmt die Polizei gleich mit, weil er sich darüber beschwert. "Lasst sie gehen", ruft die Menge - aber es bleibt bei Worten. Keine Schlacht am "Waldorf-Astoria". Kein Radau in New York. Nach den wüsten Szenen der letzten drei Jahre in Seattle, Davos und Genua verläuft der "Gipfel der Gipfel" ohne Hiebe und Knüppel. New York hat sich für weitere World Economic Forums empfohlen.

Der große Straßenkrawall blieb aus - der Protest nicht. Er ist eingewandert in die Säle und Podien des Forums selbst, und das keineswegs gewaltsam. Die Reichen und Mächtigen haben ihre Kritiker hereingebeten, und manche von ihnen sind selbst reich und mächtig. Unisono forderten der irische Popstar Bono und der Microsoft-Vorsitzende Bill Gates bei einer Podiumsdiskussion am Samstag die reichen Länder auf, mehr für die armen Länder zu tun, für Bildung und Gesundheit und den Kampf gegen Aids. Bono, ein Hauptredner schon bei der Eröffnung, schlug einen Marshallplan für Afrika vor. Beim Künstlerabend ließ er es sich nicht nehmen, die Unternehmenslenker als "corporate motherfuckers" zu beschimpfen -geschadet hat es ihm nicht. Am Samstag diskutierte Bono auf der Bühne mit US-Finanzminister Paul O'Neill und plauderte mit den Friedensnobelpreisträgern Kofi Annan und Bischoff Desmond Tutu.

Dass Corporate America doch nicht ganz so mies ist, bewies Bill Gates, als er weitere 50 Millionen Dollar für die Aids-Bekämpfung in Afrika spendete. In Kürze wird Bono den Finanzminister O'Neill auf einen Trip nach Afrika begleiten. "Das Gute daran, mit Republikanern rumzuhängen, ist, dass es für uns beide sehr, sehr unhip ist. Wir beide fühlen den gleichen Schmerz dabei", spottete Bono über sich und seinen neuen Freund.

Das noble Tagungshotel und die Blocks um die Park Avenue in Midtown glichen am Wochenende einer Festung, bewacht von Hunderten Uniformierten zu Fuß, im Auto oder zu Pferde, mit Schutzschilden, Helmen mit Visier und Schlagstöcken. Die Flugsicherung hatte den Luftraum über dem "Waldorf-Astoria" gesperrt, nur drei Hubschrauber der Polizei ratterten im Tiefflug am stahlblauen Himmel. "So sieht ein Polizeistaat aus", schimpft die junge April Burke aus dem Bundesstaat Maine; tapfer hält sie ihr Schild mit der Aufschrift "Kein US-Krieg in Kolumbien" hoch.

An der Ecke Lexington Avenue und 50. Straße dreschen ein paar College-Studenten ihre Trommeln: "Wir wollen saubere Energie!" Und: "Eine andere Welt ist möglich." Auch ein herzhaftes "Nieder mit dem US-Imperialismus" ist darunter. Ein anderer trägt ein sensibles, selbst gemachtes Schild: "Druck macht mich traurig". Etwa 30 Protestler sind vor die Filiale des Modehauses Gap gezogen und rufen nun "Rettet die Wälder" und "Revolution" - mehrere Dutzend Kameras, von den Diskussionen im "Waldorf" ohnehin weit gehend ausgeschlossen, nehmen es dankbar auf; endlich bewegte Bilder.

In kühlen Zahlen stellt sich die New Yorker Lage so dar: Auf jeden der 3000 Teilnehmer des World Economic Forum (WEF) entfallen 1,25 Polizisten. Und für jeden Protestler stehen mindestens so viele bereit - einige Tausend sind es, und allein 4000 Cops sind im Einsatz. Hinzu kommen die Agenten des Secret Service, private Sicherheitsleute und im Ernstfall sogar die Nationalgarde, die seit dem Terror Tuesday, dem 11. September, in der Stadt patrouilliert. Zur Not können alle 40.000 Polizisten von New York mobilisiert werden.

Gerade mal drei Dutzend Demonstranten verhaftete das New York Police Department (NYPD), dessen T-Shirts und Käppis an Ground Zero ein Verkaufsschlager sind. Schon im Vorfeld hieß es, dass die Demonstranten bei den New Yorkern keine Sympathien hätten, sollten sie die Polizisten angreifen. Ihre Helden des 11. September mit Steinen und faulen Eiern zu bewerfen, empfinde die Stadt als unpatriotisch.

Sie waren vorbereitet. Kurz vor dem Forum hatten Polizeibrigaden im Shea-Stadion, einer Arena im Stadtteil Queens, für ihren Einsatz geprobt: Arme auf den Rücken drehen, Menschenkessel bilden, Handschellen zuschnappen lassen. Das medienwirksame Muskelspiel hat seine Wirkung offenbar nicht verfehlt. Und dass New Yorker Cops keinen Spaß verstehen und nicht zimperlich sind, war ohnehin bekannt. Als Polizeichef Raymond Kelly an das alte Rudolph-Giuliani-Motto "Zero Tolerance" erinnerte und keinen Zweifel ließ, dass er es bitterernst meinte, war manchem Protestler die Lust auf Konfrontation vergangen. Strömender Regen an den beiden ersten Tagen und knackige Temperaturen unter null am Wochenende sorgten für den Rest.

Das Forum im "Waldorf" wird zu einem Forum auch auf den Straßen. Die chinesische Meditationsgruppe Falun Gong zelebriert hinter den Barrikaden der Polizei ihre lautlosen Streckübungen und fordert: "Helft, den Staatsterror in China zu beenden." Für die Polizisten sei es wie Warten auf Godot gewesen, lästert die "New York Times". Die Einzigen, die im Regen und in der klirrenden Kälte stehen mussten, seien die Gesetzeshüter.

Selbst die Ankündigung einer Anarchotruppe, sie werde die Teilnehmer des WEF am Zugang zur Party an der Börse hindern - nur ein Bluff. Für die Menschen innerhalb der Burg "Waldorf-Astoria" entpuppt sich das Forum 2002 derweil als eines der größten Spektakel aller Zeiten. Vorbei die Gemütlichkeit, die Auffahrt der Staatspräsidenten im Schneetreiben zum "Pöstli" in Davos, adieu Alphorn und Glatteis, Hüttenabend und Skipullover.

New York zeigt ihnen, weshalb es die Stadt genannt wird, "that never sleeps". Die Investmentbank Goldman Sachs lud hoch oben in den Rainbow Room des Rockefeller Buildings, um bei reichlich Budweiser und Horsd'?uvres den Sieger der Superbowl zu feiern. Die Verlegerbrüder Robert und Steven Forbes ließen im "Club 21" die Korken knallen. Coca-Cola bat 400 Gäste ins "Four Seasons". Zur wirklich exklusivsten Party der Stadt ließ das Finanzhaus Lehman 200 handverlesene Gäste bitten. Am Flügel saß Elton John, für eine Million Dollar Gage.

Im kommenden Jahr findet das Forum wieder in Davos statt, wie in den 31 Jahren davor. Viele Teilnehmer werden es bedauern, auch wegen der Partys. Auf jeden Fall Michael Bloomberg, der neue Bürgermeister von Big Apple: "In Davos sollten wir Ski fahren, aber das Forum sollte von nun an in New York abgehalten werden."

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